Die schöne neue Netzwelt hat ja nun seit geraumer Zeit eine Interessentenvertretung, die nun Bundesland für Bundesland in den Landtag einzieht: Die Piraten. Nun setzen sich die Piraten ja sehr aktiv dafür ein, dass das Netz anonym, kostenlos und rechtsfrei bleibt. Doch wachsen zumindest bei mir die Zweifel, ob sich diese Ziele so ohne weiteres mit dem vereinbaren lassen, was ich mir so unter einer digital vollendeten Welt vorstelle. Sicherlich mit am besten auf den Punkt gebracht hat es Dieter Nuhr beim Satiregipfel in einer sehr sehenswerten Analyse, welche bei der Aufklärung beginnt und in der Steinzeit endet. Im Kern sagt er Folgendes: Anonyme Meinungsäußerung ist nicht Meinungsfreiheit, sondern Meinungshoheit. Denn wer am längsten brüllt, wird irgendwann recht bekommen. Und ganz ehrlich: Wenn man sich die Auswüchse anschaut, dann bekommt man zunehmend die Bestätigung für die geäußerten Thesen.
Dass dabei nun auch die Politik in Mitleidenschaft gezogen wird, ist ja in Teilen noch ganz amüsant zu sehen, befördert aber die zunehmende Tendenz, dass wir vor allem Wendehälse an die Spitze wählen, die nur noch ihr Fähnchen in den Wind halten, jedoch keine klaren Stellungen mehr beziehen und diese dann auch gegen Widerstände durchboxen. Wie in einer solchen Gemengelage eine basisdemokratische Entscheidungsfindung bei den Piraten überhaupt im politischen Alltag stattfinden soll, ist fraglich. Denn in einer Partei, in der sich besonders viele Netzlautsprecher tummeln, dürfte ein Shitstorm nicht lange auf sich warten lassen. Der Begriff Shitstorm ist übrigens mehr als entlarvend, zeigt er doch schon im Wort, dass es hier um das Werfen von Dreck geht. Bislang haben wir uns immer über die amerikanische Wahlkampftaktik lustig gemacht, die nur darin besteht, so lange mit Schmutz zu werfen, bis etwas hängen bleibt. Inzwischen feiert die Netzgemeinde – oder diejenigen die sich dafür halten – aber eben jenen fragwürdigen Mechanismus als Errungenschaft.
Was dabei am meisten nervt, ist die Vielzahl von Analwinden, deren Auslöser z.T. so nichtig sind, dass man sich kaum traut, sie beim Namen zu nennen. Die Diskussion um Dirk Nowitziki und der harm- wie belanglose Werbebesuch einer Metzgerei ist dabei nur eines von vielen Beispielen. Man kann sich des Gefühls nicht erwehren, dass es eine gewisse Anzahl an gelangweilten Menschen gibt, die nur darauf warten, ein Ventil für ihre eigene Unzufriedenheit zu finden und dann mit  maximalem Nachdruck Dampf ablassen wollen. In der unvirtuellen Welt erinnert das an die Diskussion über Stuttgart 21, wo es eine offenkundige Minderheit (wenn man das eindeutige Ergebnis der Volksbefragung zu Grunde legt) geschafft hat, monatelang die Nachrichten zu bestimmen. Es scheint also On- wie Offline hipp zu sein, den Wutbürger zu markieren, ohne dass es häufig eine wirkliche Zielrichtung gibt. Denn was will man mit einem Streit um eine Scheibe Fleischwurst erreichen?
Bei aller berechtigen Kritik über die vorhandenen Missstände sollte man sich vor einem aus Langeweile vom Zaun gebrochenen Kotorkan die Frage stellen, ob man damit eigentlich eine Verbesserung offenkundigen Unrechts herbeiführen kann oder nicht. Tue ich dies nicht, führt es dazu, dass die Welt mit Mist überzogen wird und sich irgendwann keiner mehr wundert, wenn die Jauche vor jeder Haustür liegt. Ein sehr amüsanter Kommentar auf welt.de geht dabei in dieselbe Richtung, wenn auch mit anderen Worten. Wirklich wichtige Anliegen gehen unter und die neu geschaffene Shitstorm-Skala (was es nicht alles gibt!) zeigt eine dauerhaft steife Brise aus dem Ozean der geistigen Flatulenzen. Für tatsächlich bescholtene Unternehmen wie Politiker besteht hierin die größte Chance. Eine Vergesellschaftung der Stoffwechselendprodukte macht einen unsichtbar in der Masse der Bekackten. Dann braucht es auch kein Krisenmanagement mehr in windigen Zeiten. Alles was man dann noch braucht, ist Gelassenheit und eine der wichtigsten politischen Eigenschaften: Die Fähigkeit, das Ganze auch mal an einem stillen Örtchen auszusitzen.



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