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Klartext!
  1. Gib der Welt dein Gesicht!

    Aug 09 2011

    Dominik Frings

    Für diejenigen, die in den vergangenen Jahren einen Besuch bei den nordamerikanischen Griechen in ihrem Reisepass vermerkt haben, ist es nichts Neues: Man kommt an, gibt sein Auge, sein Ohr und seinen Fingerabdruck ab, beantwortet noch ein paar übellaunige Fragen zu seiner Nazi-Vergangenheit und den damit verbundenen Verbrechen zwischen 1939-1945 und darf dann einreisen in das „Land Of The Free“. Was haben die Amerikaner davon? Nicht viel, denn sie beklagen inzwischen die unglaublichen Daten-Tsunamis, die Tag für Tag in den Servern des Heimatschutzministeriums oder des FBIs herumschwappen. Was hat der Tourist davon? Ärger, Scherereien und einen ganzen Koffer voller Unverständnis. Gerne macht man sich darüber lustig, regt sich im Nachgang aber auch über die totale Überwachung auf.

    Inkonsequent wird es, wenn einem nicht bewusst ist, dass man auf Facebook mit der falschen Einstellung zur Gesichtserkennung noch viel mehr preisgibt als seine Ein- und Ausreise in Los Angeles, Miami oder Fort Alamo. Vielmehr lässt sich bei einer lebhaften Nutzung der Upload-Funktionen von einem selbst und seinen Freunden ein lückenloses Freizeitbild erstellen, und  das besteht nicht bei jedem aus dem Studium der schönen Künste oder dem Schmökern in weltliterarischen Werken der Sorte „Krieg und Frieden“. Vielmehr findet sich bei jeder Degustation von drei bis fünf Litern Bier (inkl. einem kleinen Jägermeister zur Geschmacksneutralisierung) immer einer, der mal eben zwei GB verknipst und schnell das Bilderglück ins Netz stellt. So lange man davon ausgeht, dass nur Freunde sich dafür interessieren, kann es einem egal sein. In Theorie und Praxis haben aber auch Arbeitskollegen, Vorgesetze, Ordnungsbehörden, Polizei und eigentlich jedermann Zugriff auf die Facebookdaten, und was die damit anfangen können, kann sich jeder selbst ausmalen.

    Unumstößlich wird sich diese Entwicklung fortsetzen, und irgendwann wird es auch User erwischen, die nicht bei Facebook & Co. gelistet sind. Die Vorstellung klingt noch befremdlich, wird aber sicherlich in den nächsten Jahren Realität werden. Man kann sich jetzt noch überlegen, wie lange es einem gelingt, sich der Vergesellschaftung der Privatsphäre zu entziehen. Es sei denn, die Internetnutzung ist einem nicht so wichtig, und das Tragen einer Maske (regelmäßig wechseln nicht vergessen) in der Öffentlichkeit bereitet keine größeren Umstände. Da das, was technisch möglich ist, auch gemacht wird, bringt es wenig, den Fortschritt an sich stoppen zu wollen. Ein paar Wünsche habe ich mir aber dennoch überlegt, und die sähen wie folgt aus:

    Wenn man bei Facebook schon die Gesichtserkennung freigegeben hat, könnten die US-Behörden doch auch direkt einen Abgleich fahren, das spart unnötige Fragen und Zeit. Schließlich kann man als 27-Jähriger nicht KZ-Wächter gewesen sein. (Nur auf Partyoutfits à la Harry Rommel sollte man verzichten, das bringt einen schneller hinter Gitter als man twittern kann.) Die Unsozialen wie meine Wenigkeit kämen dann wesentlich schneller durch die Kontrolle.

    Für Partys und dem Vergnügen gewidmeten Veranstaltungen fordere ich die Installation eines Störsenders, der alle Elektronik für Bild und Videoaufnahmen lahmlegt.

    Vielleicht kommt ja doch noch einer auf die Idee, Funktionalitäten zu verbieten, die einen öffentlichen Abgleich im großen Stil ermöglichen. Es mag ja durchaus auch praktisch sein, aber Risiken und Nebenwirkungen stufe ich höher ein als der Zugewinn von ein bisschen Bequemlichkeit.

  2. Straßenschlacht im falschen Graben

    Aug 17 2010
    Dominik Frings

    Dominik Frings

    Fühlen Sie sich auch unwohl, wenn fremde Leute an Ihrem Haus vorbeigehen und von außen durch ihre Gardine sehen? Ach, Sie haben gar keine und die Leute gucken eh schon auf Ihren Tisch? Dann wäre doch eine natürliche Reaktion, entweder eine Gardine aufzuhängen oder sich einfach nicht daran zu stören, oder? Anders scheint es dem Bürger zu gehen, wenn jemand per Internet auf die Räuberhöhle oder das Bettlaken mit der Goldkante schaut. Dann plötzlich liegt ein ganz anderer Tatvorwurf vor. Wobei unklar ist, warum sich mehr Leute am Rechner vor ihr Fenster verirren sollten, als Passanten im Leben 1.0 ihre Straße durchstreifen. Wenn ich nun den Street Viewern verbiete die Fassade zu filmen, müsste ich konsequenterweise auch jedem Fußgänger verbieten, mein Haus anzuschauen. Ich bin bei weitem kein Rechtsexperte, halte aber den hierfür notwendigen Aufwand zur Überwachung für überproportional. Es ist faktisch so, dass wir die einzige staatliche Behörde, die sich der Aufgabe gewachsen gefühlt hätte, vor rund 20 Jahren zu Grabe getragen haben. Ein neues „Ministerium für Street View Sicherheit“ (kurz MFS) dürfte in Zeiten knapper Kassen und unter der Prämisse der Ausweitung auf den imperialistischen Lebensraum im Westen, nur schwer umsetzbar sein.

    Eine andere Frage die mich beschäftigt ist, ob ich zukünftig mit gepixeltem Balken vor dem Gesicht in die Kneipe, den Supermarkt oder den Strapsclub gehe? Das wäre ja nur konsequent, wenn ich alle Gesichter auch bei Street View verfremdet sehen möchte. Ich für meinen Teil habe aber entschieden, die Pixelbalken wegzulassen, da ich mich in den seltensten Fällen in Öffentlichkeit traue, wie ich niemals gesehen werden möchte. Und ob in einem dieser seltenen schwachen Momente gerade der Google-Spähpanzer anrückt, darf dann auch eher als unwahrscheinlich gelten. Im Zweifelsfall kann man ja auch noch die sich natürlich bietenden Deckungen nutzen (Autos, Bäume, Rentner) oder mit einem geistesgegenwärtigen Sprung in die Hecke dem Big Googler entkommen. Anders formuliert sehe ich es so: Wer sich öffentlich bewegt, muss damit rechnen gesehen zu werden und wer ein Horizontalcenter betritt sollte sich bewusst sein, dass der Eingang nun mal an der Straße liegt, eine Kamera (!!!) hat und die Damen tendenziell Sekt dem Selters vorziehen. Somit ist die Street View Debatte in meinen Augen hoffnungslos gegenstandslos. Wenn mir dann  noch Politiker erzählen, dass sie ihr Domizil nicht verpixelt sehen wollen, muss ich auch die berechtigte Forderung vertreten können, dass eben jene Politiker auch in den Nachrichten nicht mehr scharf gezeigt werden und ihre Stimme wie die von Micky Maus klingen müsste. Denn der Politiker verlangt einen Schutz vor dem gemeinen Volk. Ich (als Teil des gemeinen Volkes) verlange einen Schutz vor den Politikern. Wer rettet uns denn vor den Westerwelles, Ernsts, Profallas, Roths und Heils dieser Welt? Da unterschreibt mir auch kein Gericht eine einstweilige Verfügung.

    Neben der Absurdität der Debatte wird dabei auch deutlich, dass weder Bevölkerung noch Politik verstanden hat, wo die Probleme liegen und wo nicht. Die gleichen Leute die sich jetzt über Momentaufnahmen beschweren, löschen vermutlich nie ihre Cookies, nutzen G-Mail, haben ein App inklusive permanenter Ortung auf ihrem Handy oder nutzen Android, dass eine Lokalisierung prinzipiell möglich macht. Wer sich Gedanken um Sicherheit und Datenschutz macht, sollte hierüber diskutieren, sonst macht er sich lächerlich oder aber er fürchtet den Donner mehr als den Blitz.